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Umfrage zur Erinnerungskultur: Deutsche möchten erinnern, verlieren aber zunehmend den Bezug zu ihrer Geschichte / Studie "MEMO Deutschland" zeigt Parallelen zwischen NS-Zeit und heute auf

Berlin (ots)

Etablierte Zugänge zur Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus wie Gedenkstättenbesuche bleiben relevant, doch für eine historisch korrekte und zivilcouragierte Erinnerung an die NS-Zeit müssen neue Ansätze geschaffen und bestehende Wege neu erschlossen werden. So das Ergebnis der repräsentativen Studie „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld. Die Telefonbefragung unter 1.000 Personen wurde bereits zum zweiten Mal von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) gefördert.

Erinnerung an die NS-Zeit: Grundlage für eine zivilcouragierte Gesellschaft

Mehr als ein Drittel der Befragten (35,9 %) nehmen Parallelen zwischen aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland und der NS-Zeit wahr. Zugleich wird deutlich, dass sich die Befragten weit über den Kontext Schule hinaus eigeninitiativ auf verschiedenen Wegen mit der jüngeren deutschen Geschichte befassen und dass dies mit der selbstberichteten Zivilcourage der Interviewten einhergeht.

„Eine Zivilgesellschaft, die sich aktiv erinnert und Geschichte nicht verdreht, kann Bedrohungen der Demokratie besser begegnen“, so Professor Dr. Andreas Zick, Direktor des IKG und einer der Studienleiter. „Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist eine wichtige Quelle für Zivilcourage. Die Daten zeigen: Diejenigen, die sich intensiver damit beschäftigen, setzen sich auch stärker gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen und Gruppen in Deutschland ein.“

Gedenkstättenbesuche fördern kritische Auseinandersetzung

Etwa die Hälfte der Interviewten (47,4 %) berichtet, mindestens einmal, ein Großteil sogar mehrmals, eine Gedenkstätte besucht zu haben. Solche Gedenkstättenbesuche, so ein weiteres Studienergebnis, motivieren die Befragten, sich intensiver mit der Geschichte, aber auch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen. Deutlich unterstreicht die Studie aber auch die Bedeutung neuer, medialer Zugänge: Über 90 % der Befragten nutzen Dokumentar- und Spielfilme als Einstieg in das Thema, über die Hälfte (59,6 %) berichtet, sich im Internet zu informieren.

„Gedenkstätten als authentische Orte der Erinnerung an die NS-Zeit spielen eine entscheidende Rolle und müssen, auch für die historisch-politische Bildung, gestärkt werden“, so Dr. Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ. „Zugleich sind zeitgemäße, digitale Formen der Vermittlung gerade für junge Menschen von großer Bedeutung. Die Stiftung EVZ erprobt in ihrer Projektförderung und im Rahmen des Bundesprogramms ‚Jugend erinnert‘ diesen Weg hin zu einer zukunftsorientierten Gedenkkultur.“

Familiengeschichten anfällig für Umdeutung und Verdrängung

Mit Blick auf die Rolle der eigenen Vorfahren zur NS-Zeit ergab die Studie, dass in den in Deutschland lebenden Familien vor allem Geschichten von Opfern (35,9 %) und Helfer*innen (28,7 %) weitergegeben werden, während das Wissen um Täter*innen unter den direkten Vorfahren vergleichsweise gering ist (19,6 %). Die Hälfte (50,0 %) der Befragten geht außerdem davon aus, dass ihre Familienmitglieder nicht zu den „Mitläufer*innen“ des NS-Systems gehörten. Zwar finden es zwei Drittel (65,9 %) sinnvoll, sich mit der NS-Vergangenheit der eigenen Familie zu befassen, doch wird in der Hälfte der deutschen Familien (50,1 %) nie oder nur selten darüber gesprochen.

Dr. Jonas Rees, Projektleiter der Studie am IKG: „Auch im Kontext Nationalsozialismus zeigt sich die Anfälligkeit von Familiennarrativen für Tendenzen der Umdeutung und Verdrängung. Wir finden deutliche Diskrepanzen zwischen der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung in der NS-Zeit und dem Wissen um die eigene Familiengeschichte. Gleichzeitig stellen wir gerade bei jüngeren Befragten eine stärkere gesellschaftskritische Perspektive auf die NS-Zeit fest. Damit einher gehen die Chance auf und der Wunsch nach einer reflektierten Auseinandersetzung mit der Täterschaft der eigenen Vorfahren und der Deutschen insgesamt.“

Über die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ): Die Stiftung EVZ wurde im Jahr 2000 gegründet, um Zwangsarbeiter*innen während der NS-Zeit zu entschädigen. Seit 2001 leistet die Stiftung zudem humanitäre Hilfe für Überlebende, fördert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und stärkt zivilgesellschaftliches Engagement in Mittel- und Osteuropa. Näheres zu den Handlungsfeldern der Stiftung sowie Hintergrundinformationen zu den Umfrageergebnissen, Fotos und Infografiken finden Sie auf www.stiftung-evz.de/presse.

Quelle: „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ – repräsentative Befragung von 1.000 Personen im Alter von 17 bis 93 Jahren. Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, April 2019.

Pressekontakt:

Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)
Kathrin Wiermer
Friedrichstraße 200
10117 Berlin
Tel. +49 (0) 30 25 92 97-24
Fax +49 (0) 30 25 92 97-11
E-Mail: wiermer@stiftung-evz.de
www.stiftung-evz.de

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