Auf der Suche nach der Fotografie


Das Hintergrundbild stammt nicht von Eugene W. Smith: Akiba, Tokio. Bild: street viewer / CC-BY-2.0

Der letzte Held der Silberhalogenide – Teil 4

Ich bin jetzt seit drei Tagen in Tokyo doch ich bin nicht fündig geworden. Meine Suche geht nach – wie soll man sagen – den technischen Apparaturen einer versunkenen Zeit, in der das fotografische Bild noch mit der Magie der dokumentarischen Erkenntnis angereichert war. In der auf der Basis von Silberbrommolekülen das fotografische Bild noch Schneisen in die ideologischen Festungen schlagen konnte und Lüge und Wahrheit getrennt waren, so das allgemeine Bild, freilich keine unschuldige Beziehung. Wir waren in Akabira, dem alten Elektronik-Viertel von Tokyo, das sich heute zum angesagten Manga-Viertel wandelt. Während unten am Boden Bauarbeiter einen neuen Wolkenkratzer emporziehen, klettern wir neben der Baustelle in einem Treppenhaus vier Stockwerke in einem Geschäftshaus empor. Dort angekommen öffnet sich die Tür zu einem Foto-Gebraucht-Laden. Doch gehandelt werden nur digitale Fotoapparate der letzten zehn Jahre, also alles gängige aus japanischer Produktion von Nikon bis Canon und so weiter.

Doch mir steht der Sinn ja nach anderen Dingen, nach den bildgebenden Apparaten aus der Zeit von Eugene W. Smith. Zum Beispiel nach der Ashai Pentax 6×7, einem Fotoapparat des Mittelformats mit solidem Holzgriff, mit dem man im Notfall dem Feind auch die Nase einschlagen konnte, so schwer und solide gebaut war das Ding. Oder, eleganter und leichter, die Mamiya 7, mit Parallaxensucher wie bei der Leica. Oder der Großbildkamera Tachaira, gebaut aus edlem Kirschholz und einem Format von 9×12 aufwärts.

Und Tokyo ist quasi das Mekka der Fotografen, in den Straßenschluchten und den kleinen, versteckten, kaum als solche erkennbaren Bars, in den Hotels mit ihren kleinen Zimmern und den ewig blinkenden Neonreklamen im ersten Stock, mit ihrem unterirdischen Geäst der irrsinnige verzweigen U-Bahn und den Läden der Einkaufsstraßen entstehen dann die schwarz-weiß-Fotos von nackten Menschen und ihren Geschlechtsteilen, die aus dem Dunklen der Schwärze auftauchen, aussehen wie aus den 1950er Jahren und irgendwann für drei Wochen als temporäre Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen sind.

Von Eugen W. Smith heißt es, es war die Intensität seines Lebens, nicht die Bandbreite seiner Fotografie, die seinen Bildern eine derartige Qualität gaben. Intensität ist dabei etwas außerhalb des Technischen liegenden, eine Qualität, die nicht der Kamera oder dem Speichermedium eingeschrieben werden kann. Die Eindringlichkeit oder Kraftwirkung ist ein dem Bild Zugesetztes, das sich nicht zuletzt aus der Beziehung zwischen dem Fotografen und dem Fotografierten speist.

Die Aussage, dass dem Bild dabei das Speichermedium egal ist, ist sowohl richtig wie auch falsch. Zwar erscheint der Bildinhalt in der Tat genauso auf einem durch Tintenstrahl erzeugten Druck wie auf der lichtempfindlichen Oberfläche eines Papiers mit Silberbromidkristallen. Doch sämtliche anderen Parameter haben sich verändert und die Fotografie ist untrennbar durch unsichtbare Kanülen mit ihrer Zeit und deren Parametern verbunden, über die sich das Bild mit Bedeutungen auflädt und selbst wiederum ein Erzeuger von Bedeutungen ist. Fotografie ist in diesem Sinne wie ein Stein in einer Mauer und somit Umfasstes wie Umfassendes. Man kann allerdings mit alten Steinen neue Mauern aufbauen und die Fotografie kann – ihren ursprünglichen Bedeutungsgrund mitnehmend – durch die Zeit und damit durch verschiedene Bedeutungsgravitationsfelder wandern. Intensität ist also nur eine der Zuschreibung von Außen.

Den veränderten Parametern ist es auch geschuldet, dass Eugene W. Smith wohl als der letzte Held des alten Mediums Fotografie anzusehen ist. Die alte Schicksalsgemeinschaft von Fotograf, Kamera, Lichtbild und Objekt hat sich zu einer blitzlichtartigen Dauerdarstellung von Welt gewandelt, wobei die Außenhaut dieser Welt zur Innenhaut der digitalen Welt geworden ist. Das Digitale aber kennt keine Helden mehr.

Die Zukunft wird so sein: Materialien, die längst keine Objektive mehr benötigen, um Bilder zu produzieren, Aufnahmeeinheiten, die ohne optische Systeme auskommen. Hitachi zum Beispiel arbeitet an einem System, bei dem vor dem Bildsensor sich eine sehr dünne Schicht befindet, die mit einem Kreis- oder Spiralmuster bedruckt ist. Je nachdem wie das Licht auf die Kreise fällt, berechnet Computertechnik dazu die notwendige Belichtung. Das Bild entsteht so zu einem großen Teil durch die Rechenkraft eines Prozessors, das Ganze wird dann zu einer „Computational Photography“. In Tokyo schreibt dazu Hitachi: „Diese Aufnahmetechnologie macht es möglich, sehr leichte und dünne Kameras ohne Linsen zu produzieren, die es ermöglichen, die Kamera ohne Beschränkungen auch in bewegten Einheiten wie Autos oder bei Robotern zu verwenden, ohne dass deren Design beeinflusst wird.“ Eine Fokussierung ist dann nicht mehr notwendig. Wie gesagt, Oberflächen werden sich zu einem Spiegel der Welt verwandeln und der individuelle Helden wird schlicht zur Fläche.

Auch Eugen W. Smith hat übrigens für Hitachi gearbeitet, in den 1970er Jahren sponserte die Firma ihm ein Jahr lang den Aufenthalt in Japan, mal eine Zeit ohne finanzielle Sorgen. Und in seinem Namen etabliert sich gerade die Großformat-Szene, die andere Seite der Zukunft der Fotografie. Dabei werden sehr alte oder sehr junge Männer etwa durch die Moore der äußeren Hebriden wandern, auf dem Rücken eine analoge Balgenkamera im 9×12-Format oder größer. Das werden keine Helden mehr sein, aber analoge Einzelkämpfer und der Druck auf den Auslöser ist dann wie das Meditieren der Mönche in einem japanischen Zen-Kloster.
(Rudolf Stumberger)



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