Diagnosen psychischer Störungen steigen stark an


Der Streit um die Interpretation des Bilds bei Burn-Out, Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen geht weiter

Es ist eine alte Diskussion: Nehmen psychische Störungen zu oder nicht? Muss die Gesellschaft darauf reagieren? Oder bekommt das Thema nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient?

Führende Epidemiologen wie Hans-Ulrich Wittchen erheben Daten, denen zufolge rund 40% der EU-Bevölkerung jährlich mindestens eine psychische Störung haben (Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört). Dafür werden repräsentativ ausgewählte Menschen in Interviews zu psychischen Symptomen befragt, an die sie sich beispielsweise für das vergangene Jahr erinnern. In diesem Fall ging es um 2010.

In der genannten Studie wurden gerade einmal Daten zu 27 Störungen erhoben, während man mehrere hundert unterscheiden kann – etwa im amerikanischen DSM (Die „amtliche“ Fassung). Als dieselben Forscher einige Jahre später Befragungen im Rahmen der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts nur für Deutschland durchführten, kamen sie allerdings nur noch auf 27,7% statt der vorherigen 38,2%.

Nun ist es aber weder so, dass die Deutschen psychisch gesehen so viel gesünder wären als der europäische Durchschnitt, noch dass die Häufigkeit der Störungen innerhalb weniger Jahre so stark abgenommen hätte. Die Unterschiede zeigen schlicht, dass die Ergebnisse davon abhängen, wie Forscher die Daten erheben und welche Störungen sie dabei im Blickfeld haben. Dabei können schon kleine Abweichungen in der Methodik große Veränderungen im Ergebnis verursachen. Wissenschaft bleibt Menschenwerk.

Ein Beispiel aus ferneren Zeiten: 1962 erschien die damals vieldiskutierte Midtown-Manhattan-Studie „Psychische Gesundheit in der Metropole“. Dass angeblich satte 81,5% der Bewohner Manhattans unter psychischen Problemen litten, wurde von vielen als Beleg dafür gesehen, dass das Leben in der Großstadt nicht gut für den Menschen ist. (Man muss an Georg Simmels berühmten Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 denken.)

Klinische Psychologie und Psychiatrie waren damals noch sehr stark von Sigmund Freuds psychodynamischem Ansatz geprägt und verwendeten andere Kategorien, wie die des Neurotikers. Daher sind die damaligen Zahlen nicht direkt mit den heutigen vergleichbar.

Wenn man aber noch genauer in die Studie von 1962 schaut, dann fällt auf, dass zu den 81,5% schon gezählt wurde, wer nur sehr leichte Probleme angab. Man kann die Analyse aber beispielsweise auf diejenigen beschränken, bei denen eine Symptomstärke von mindestens 3 auf einer Skala von 0 bis 6 attestiert wurde. Dann schrumpft die Zahl der Betroffenen psychischer Störungen auf 23,4%. Wieder sehen wir, dass die (mehr oder weniger willkürlichen) Entscheidungen von Menschen das Ergebnis beeinflussen.

Das muss man wissen, wenn heute Forscher gebetsmühlenartig wiederholen, es gebe keinen Anstieg bei den psychischen Störungen – und es ihnen manche Ärzte und Medien nachplappern. Die Frage lässt sich gar nicht objektiv beantworten, weil eben die Definition dessen, was als psychische Störung gilt und ab welchem Schweregrad man sie diagnostizieren soll, nicht in Stein gemeißelt ist. Dennoch werden die genannten Forschungsergebnisse gerne in gesellschaftspolitischen Diskussionen zitiert, wenn es um die Frage geht, welche Faktoren Menschen psychisch krank machen.

Die Geschichte von der konstanten Häufigkeit dient dabei vor allem dem Paradigma der biologischen Psychiatrie: Wenn psychische Störungen genetische oder neurobiologische Störungen sind, dann erscheint es logisch, dass es keine große Ab- oder Zunahme gibt. Denn so schnell verändert sich unsere genetisch-körperliche Konstitution bekanntermaßen nicht. Dumm nur, dass man die entsprechenden Gene oder Gehirnzustände trotz mehr als 170-jähriger Suche nicht finden kann.

Die Geschichte dient außerdem konservativen politischen Kräften, die ein ewiges „Weiter so!“ predigen und gegen gesellschaftliche Reformen sind. Davon abgesehen werden die Ursachen so im Individuum verortet, nicht in der Gesellschaft. Doch darüber schrieb ich bereits ausführlicher an anderer Stelle (Mehr über Ursachen von Depressionen, Wenn Psychologie politisch wird: Milliarden zur Erforschung des Gehirns).

Soweit die Version der Epidemiologen, die mit quantitativen Methoden den Regeln ihrer Kunst folgen. Nun gilt wieder einmal die Regel: Je quantitativer man misst – also je mehr man zählt, hier Symptome, und je größer die Stichproben sind, in den hier zitierten Studien meistens mehrere Tausend Personen -, desto weniger weiß man über die Qualität des Einzelfalls. Worauf kommt es bei psychischer Gesundheit aber an? Eben gerade die Lebens- und Leidensqualität der Betroffenen, einschließlich der Familie, Freunde und Kollegen.

So gibt es neben der epidemiologischen noch eine andere Geschichte, nämlich die der Diagnosen. In einer idealen Welt müsste man die beiden nicht voneinander unterscheiden: Alle Menschen mit einer ernsthaften psychischen Störung, die Hilfe nötig haben, bekämen diese; und die Forscher würden genau diese Betroffenen zählen. Wie gesagt, gibt es hier aber schon aufgrund des Gegenstands keine objektive Wahrheit.

In der Praxis bekommen auch manche Menschen mit nur leichten Problemen, die von selbst wieder weggehen, eine Diagnose, vielleicht bloß aus Abrechnungsgründen. Andere wiederum, die dringend auf Hilfe angewiesen sind, gehen vielleicht gar nicht erst zum Arzt oder bekommen dort eine falsche Diagnose.

Dennoch erzählen die Diagnosedaten eine Geschichte, und zwar eine sehr deutliche: Erst im Februar veröffentlichte die Barmer-Ersatzkrankenkasse ihren Arztreport für das Jahr 2018. In diesem ging es schwerpunktmäßig um die psychische Gesundheit junger Erwachsener (Alter 18 bis 25 Jahre).

Und diese Daten zeigen beispielsweise, dass die Prozentzahl der diagnostizierten Depressionen in dieser Gruppe von 4,3% im Jahr 2005 auf 7,6% im Jahr 2016 anstieg, also beinahe auf das Doppelte. In absoluten Zahlen geht es um einen Zuwachs von rund 320.000 auf 570.000 Betroffene. Damit einher ging ein Anstieg der Verschreibungen von Antidepressiva von 2,1% auf 3,3% bei den jungen Erwachsenen.

Der Barmer Arztreport dokumentiert einen starken Anstieg der Diagnosen von Depressionen bei jungen Erwachsenen, mit dem auch eine zunehmende Verschreibung von Psychopharmaka einhergeht.




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