Im Wettbewerb der Religionen hat der Islam manchen Selektionsvorteil


Ina Wunn über die Evolution der Religionen, “male losersund den Ärger pakistanischer Touristen

In ihrem Buch Barbaren, Geister, Gotteskrieger zeichnet Ina Wunn die Entwicklung der Religion anhand der Evolutionstheorie nach und benennt die gesellschaftlichen und politischen Faktoren, warum den Weltreligionen womöglich eine gewalttätige Renaissance bevorsteht. Telepolis sprach mit der Religionswissenschaftlerin.

Frau Wunn, warum sind Sie überzeugt, dass sich Charakteristika der biologischen Evolutionstheorie auf die Entwicklung von Religionen übertragbar sind? Geht nicht das eine ohne und das andere mit menschlichem Bewusstsein vor?

Ina Wunn: Sie haben vollkommen Recht. Es handelt sich bei Lebewesen einerseits (Materie) und religiösen Überzeugungen (geistige Entitäten) andererseits um völlig verschiedene Kategorien. Dies ist auch der Grund, warum alle Versuche gescheitert sind, die Evolution der Religionenirgendwiean die Evolution des Menschen anzuhängen. Das ist ein klassischer Kategorienfehler, und die entsprechenden Versuche haben dann auch folgerichtig zu keinen Ergebnissen geführt.

Was machen Sie jetzt anders?

Ina Wunn: Ich nehme die biologische Evolutionstheorie, um deutlich zu machen, wie Evolution im Bereich der belebten Natur funktioniert. Die biologische Evolutionstheorie zeigt, dass es zunächst einmal eine fest umrissene, aber zeitlich wandelbare Einheit geben muss, damit überhaupt etwas evolvieren kann. Diese Einheit ist in der Biologie die Art, beziehungsweise die Spezies. Diese Einheit ist fest, da sich nur die Angehörigen derselben Spezies als potenzielle Geschlechtspartner erkennen und sich unter natürlichen Bedingungen ausschließlich untereinander fortpflanzen.

Die Einheit ist andererseits variabel, da das von den jeweiligen Eltern weitergegebene Erbmaterial, die Gene, in jeder Generation immer wieder neu gemischt und in jeweils anderen Kombinationen an die Nachkommen weitergegeben werden, wodurch sich die Nachkommen in verschiedenen Merkmalen unterscheiden. Die Rekombination des elterlichen Erbgutes produziert also letztlich die Varietäten.

Und auf diese Varietäten wirkt dann die Selektion ein?

Ina Wunn: Genau. Die einzelnen, unterschiedlichen Individuen müssen sich anschließend im Wettbewerb um Nahrung, Sexualpartner, Brutmöglichkeiten etcetera behaupten, und nur derjenige, der seiner Umwelt genügend angepasst ist, kann hier bestehen und sich selbst wieder erfolgreich fortpflanzen. Nicht allen Individuen gelingt das. In einem Nationalpark in Uganda verwies eine Wildhüterin wiederholt auf einsame Büffel, die sie als male losers bezeichnete, da es ihnen nicht gelungen war, sich eine Herde zu erobern. Das Ganze ärgerte einen pakistanischen Touristen so sehr, dass er die Safari abbrach!

Was hat das jetzt mit Religion zu tun?

Ina Wunn: Sehr viel: Will man hier von einer Evolution sprechen, muss zunächst geklärt werden, ob es auch hier die einerseits feste, andererseits zeitlich wandelbare natürliche Einheit gibt, und das ist nicht selbstverständlich. Eine Gruppe ist zum Beispiel nicht eine solche Einheit, da sie eben nicht fest ist, sondern sich die Zusammensetzung der Gruppe immer wieder ändern kann. Eine Religion als solche ist jedoch eine solche Einheit, denn die Anhänger der jeweiligen Religion wissen genau, wer zu ihrer Religion gehört und wer nicht. Christen erkennen sofort andere Christen, auch wenn sie verschiedenen Konfessionen angehören, Muslime erkennen andere Muslime, und Parsen wissen genau, dass sie weder Juden noch Hindus sindum es ebenso einfach wie drastisch auszudrücken.

Dennoch haben sich alle diese Religionen im Laufe ihrer Existenz massiv gewandelt, und zwar so stark, dass ein heutiger Christ die Ängste eines Christen des Mittelalters mit seinen Vorstellungen von drohenden Höllenqualen und seiner kritiklosen Anerkennung päpstlicher Autorität kaum noch verstehen könnte. Selbst ein heutiger Salafist, der ja angeblich dem Islam in seiner ursprünglichen Form anhängt, würde sich im Medina des Propheten kaum zurechtfinden.

Innerhalb der einzelnen, fest umrissenen und von anderen Religionen klar abgegrenzten Religionen finden sich dann allerdings immer wieder die unterschiedlichsten Meinungen und Auffassungen, die miteinander konkurrierenman denke nur an die Meinungsverschiedenheiten zwischen Luther, Calvin und Zwingli oder zwischen den Anhängern des Propheten-Schwiegersohns Ali und den Anhängern der Prophetengefährten Abu Bakr, Omar und Uthman. Auch heute finden innerhalb der Religionen und ihrer Kirchen heftige Diskussionen statt, so zum Beispiel in der katholischen Kirche über den Fortbestand des Zölibats und die Mitwirkung von Laien. Auch diese Varietäten müssen sich in ihrer jeweiligen Umwelt bewähren und können sich entweder durchsetzen oder verschwinden aus dem Meinungsspektrum.

Müssen bei der Entwicklung von Religionen, anders als in der Biologie, nicht also auch geschichtliche, soziale, politische und ökonomische Faktoren berücksichtigt werden?

Ina Wunn: Das ist völlig richtig. Nicht nur sind Religionen völlig andere Einheiten als Spezies, nämlich nicht materielle, und ihre Umwelt stellt sich ganz anders dar. Während für die Spezies die Natur mit Fressfeinden, Beute, Konkurrenten, Klima etcetera die Umwelt darstellt, bilden für Religionen die ökonomischen, sozialen, vor allem aber auch die politischen Verhältnisse die Umwelt, die selektierend auf die Religionen einwirkt. Nehmen wir wieder ein Beispiel aus dem Christentum: Für Luther war die soziale Umwelt ein aufstrebendes Bürgertum, das nach intellektueller Weltdeutung einschließlich einem intellektualisierten Glauben nur so gierte; die politische Umwelt waren die Verhältnisse im Deutschen Reich, dessen Fürsten nach Unabhängigkeit strebten und nur zu bereit waren, einen aufsässigen Mönch in seinen Unabhängigkeitsbestrebungen von einer autoritären Kirche zu unterstützen.

Sie schreiben, dass Religionen mit ihren Hang zu Märtyrertum, Askese, Verstümmelung, Selbstkasteiung etcerea, die biologische Konsistenz der Menschen untergraben und dennoch gibt es auch heutzutage noch massenhaft Religionen. Wie erklären Sie das?

Ina Wunn: Ich erwähne diesen Faktor, da Kollegen oft die Evolution der Religionen an die Evolution des Menschen anbinden und davon sprechen, dass Religionen einen Evolutionsvorteil bieten. Dem stelle ich gegenüber, dass dies keinesfalls so ist, sondern dass Religionen oft die Lebenszeit ihrer Anhänger entscheidend verkürzen oder sie gar in ihrer Existenz bedrohenhier ist die Shoa ein ebenso eindrückliches wie grausames Beispiel.

Religion existiert, evolviert und verbreitet sich ganz unabhängig davon, ob sie ihrem Bekenner nützt oder schadet. Religion wird in der Kindheit erlernt, man wächst in sie hinein und gehört ihr an. Selbst wenn Menschen weder einer Kirche noch einer Synagogengemeinde oder einem Moscheeverein angehören und wenn sie weder einen buddhistischen noch hinduistischen Tempel besuchen, hängen sie oft einer Religion an. Zuhause finden sich dann kleine Altäre für die tägliche Haus-Pujah, man feiert das Zuckerfest oder Weihnachten. Religion bietet Weltdeutung, ist sinnstiftend, reduziert dieunerträgliche Leichtigkeit des Seinsauf ein erträgliches Maß und bietet seelische Heimat.

Welchen Selektionsvorteil bietet zum Beispiel der Islam?

Ina Wunn: Für den Menschenalso in der Evolution des Menschenbietet der Islam keinen Vorteil, im Gegenteil. Muslime in den muslimischen Stammländern werden nur zu häufig Opfer von ideologisch motivierten Attentaten. Im Wettbewerb der Religionen hat der Islam jedoch manchen Selektionsvorteil: Er ist erstens einfach. Eine Religion, die nur den unbedingten Glauben an einen Gott verlangt und weder über Trinität noch über unbefleckte Empfängnis philosophiert, ist für den Menschen der heutigen Zeit leichter akzeptabel als das komplizierte Christentum. Auch bietet der Islam große Freiheit im Glauben, denn er kennt weder Dogma noch kirchliche Organisation. Dementsprechend finden sich viele kleine und kleinste Spielartenauch salafistischedie alle den gleichen Anspruch auf Wahrheit erheben können.

Gerade diese Liberalität in Glaubensfragen hat den Islam im Übrigen auch gegen Ende des liberalen 19. Jahrhunderts für ein intellektuelles deutsches Bürgertum attraktiv gemacht. Die Wilmersdorfer Moschee in Berlin erinnert noch heute an diese Zeit.

Wird es in Zukunft weniger Religionen geben oder werden diese zunehmen?

Ina Wunn: Es muss leider konstatiert werden, dass viele ethnische Religionen, umgangssprachlich Stammesreligionen genannt, aussterben werden. Sie fußen weniger auf einer bestimmten Lehre als vielmehr auf Ritualen, die jedoch nicht mehr durchgeführt werden können, weil die Anhänger dieser Religionen nicht mehr in ihren geschlossenen Siedlungsgebieten leben. Auch entsprechen diese alten Religionen nicht mehr den Anforderungen einer inzwischen ganz anders gewordenen Welt. Diese ethnischen Religionen werden also verschwinden oder zu bloßer Folklore herabsinken.

Generell werden die großen Religionen in den nächsten Jahrzehnten jedoch das Feld behaupten und teilweise sogar mehr Zulauf haben, und zwar aufgrund der politischen Verhältnisse. Eine Politik, die zunehmend populistisch agiert, die in Dichotomien denkt (hier wir, dort die anderen) und kulturelle Eigenheit bis hin zu kultureller Überlegenheit postuliert, fördert in diesem Zusammenhang auch die Religionen, die dann dazu missbraucht werden, Grenzen zu ziehen und mögliche kulturelle Unterscheide bewertend zu betonen.
(Reinhard Jellen)



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