Von der Windkraft zum Microgrid


Windräder bei Wildpoldsried. Foto: Richard Mayer. Lizenz: CC BY 3.0

Nachdem die Windkraftnutzung auf eigener Flur den Bedarf im Ort mehrfach überstiegen hat, hat sich die Gemeinde Wildpoldsried an einem Forschungsprojekt zum Betrieb eines Microgrids beteiligt

Man fühlt sich unwillkürlich an Asterix und Obelix erinnert, wenn man sich das Energiedorf Wildpoldsried näher betrachtet. Nur 2.500 Einwohner, aber inzwischen überregional bekannt, schreibt das Dorf im Allgäu Energiegeschichte. Unter dem Motto „Wildpoldsried-innovativ -richtungsweisend (WIR)“ hat man im Jahre 1999 begonnen ein gemeinsam mit den Bürgern ein ökologisches Profil zu entwickeln. Eines der Ziele bestand darin, die im Gemeindegebiet benötigte Energie regenerativ zu produzieren. Seit August 2012 ist Wildpoldsried Windstützpunkt Bayern, auch wenn das vom Bayrischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz nicht mehr aktiv kommuniziert wird und in der aktuelle Webpräsenz nicht mehr auffindbar ist.

Schon im Jahr 2000 wurden in Wildpoldsried die ersten Bürgerwindkraftanlagen errichtet. Wildpoldsrieder Bürger erhielten jeweils die Möglichkeit, sich mit Eigenkapital an den jeweils für die Projekte gegründeten Gesellschaften zu beteiligen. Inzwischen stehen elf Anlagen auf einem Höhenrücken, der die Grenze zwischen dem Ober- und dem Ostallgäu bildet. Zwei Windkraftanlagen stehen auf Ostallgäuer Seite und neun auf der Wildpoldsrieder Seite. Mit den beiden im Jahr 2015 erbauten Enercon-Anlagen des Typs E-115 ( „Albratsmoos“ und „In der Höll Nord“) der WildKraft GmbH & Co.KG, an der auch der regionale Energieversorger Allgäuer Überlandwerk GmbH beteiligt ist, wurden die ersten interkommunalen Anlagen realisiert.

Das Ziel, den Strombedarf der Gemeinde auf der eigenen Flur zu erzeugen, hat Wildpoldsried längst erreicht. Die neun Anlagen auf Wildpoldsrieder Gemarkung produzierten im Jahr 2017 insgesamt 36.670.351 kWh Strom. Der gesamte Netzbezug der Gemeinde Wildpoldsried betrug 2016 mit 6.294.000 kWh etwa ein Sechstel davon.

Der umfangreiche Ausbau der Erneuerbaren in Wildpoldsried bot schon sehr früh die Möglichkeit, das für 2020 in Deutschland erwartete Energieszenario in der Realität durchzuspielen. Dazu wurde im April 2011 das Pilotprojekt IRENE gestartet, das die Netzintegration von dezentral einspeisenden, stark schwankenden Erneuerbaren realisieren sollte.

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Pilotprojekt zur Erprobung eines intelligenten Stromnetzes der Zukunft wurde gemeinsam von der Allgäuer Überlandwerke GmbH (AÜW), der Siemens AG, der Hochschule Kempten und der RWTH Aachen durchgeführt und im Dezember 2013 abgeschlossen.

Das Projekt kam zum Ergebnis, dass „Elektrofahrzeuge in vergleichbaren Netzen mit der in 2020 für Deutschland erwarteten bzw. gewünschten Dichte ohne weiteren Netzausbau betrieben werden“ können. Die ursprünglich geplante Nutzung der Batterien von E-Mobilen als Stromspeicher wird nicht mehr erwähnt. Auch hat sich bei dem im Modellprojekt realisierten Smart Grid gezeigt, dass eine Smart Meter-Infrastruktur dafür nicht nötig war.

Das Nachfolgeprojekt IREN2 startete am 1. Juli 2014 und umfasste neben den Kooperationspartnern des Vorläufers Irene zusätzlich die Partner AllgäuNetz und IDKOM. In diesem Projekt ging es um den Aufbau und den Betrieb eines Microgrids oder zellulären Netzes (vgl. Kann eine Energiewende mit kleinen zellulären Netzen eher gelingen? – sowohl in Verbindung mit dem überlagerten Netz als auch durch Abkopplung einzelner Netzabschnitte vom überlagerten Netz.

Eines der Ergebnisse des inzwischen abgeschlossenen Projektes war die Erkenntnis, dass es möglich ist, ein Inselnetz nur mithilfe erneuerbarer Energieerzeugung zu betreiben. Es handelte sich nach vorliegenden Informationen dabei um den ersten Microgrid-Test außerhalb einer Laborumgebung mit realen Kundenanschlüssen.

Das Projekt zeigte, dass Microgrids als Inselnetze die Versorgungssicherheit erhöhen können und mit minimalen Anpassungen der Netz- und Personenschutz auch für Inselnetze gewährleistet werden können. Es zeigte auch, dass ein stabiler Inselnetz-Betrieb auch ohne rotierende Massen möglich ist. Was bislang fehlt ist einerseits die Regelung einer regulierungskonformen Integration von Netzbetriebsführung und Energiemarkt für den Betrieb von netzgekoppelten Microgrids und Verfügbarkeit Hersteller-übergreifend standardisierte Produkte und Lösungen. Auch die Verfügbarkeit einer flächendeckenden, sicheren und robusten IKT zählt noch zu den Herausforderungen für den Aufbau und den Betrieb von Microgrids.

Zu den auch für Außenstehende interessanten Ergebnissen gehört die in Echtzeit erfolgende Visualisierung der Einspeisung aus erneuerbaren Quellen, die in Wildpoldsried neben Windkraft auch Photovoltaik und Biogas umfassen, eine Kombination, die den Bürgern die Angst vor einer Dunkelflaute nehmen konnte.
(Christoph Jehle)



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