Sri Lanka ruft Notstand aus


Foto: Sankt Sebastian in Negombo

Neue Erkenntnisse über die Anschläge

Maithripala Sirisena, der Staatspräsident von Sri Lanka, hat nach den Anschlägen vom Ostersonntag einen Notstand ausgerufen, der seit heute früh gilt. Er gewährt den Sicherheitsbehörden eine Rechtsgrundlage für schnellere Festnahmen und Durchsuchungen, mit denen die Taten aufgeklärt und weitere Anschläge verhindert werden sollen.

Bei den Anschlägen sprengten sich nach derzeitigem Erkenntnisstand am Sonntagvormittag Selbstmordattentäter in den beiden katholischen Kirchen Sankt Antonius in Colombo und Sankt Sebastian in Negombo, in der der evangelikalen Zion-Kirche Batticaloa und in den Hotels Shangri La, Cinnamon Grand und Kingsbury in die Luft. Im Shangri La zündeten gleich zwei Selbstmordattentäter jeweils einen Sprengsatz, im Cinnamon Grand wartete der Mörder in der Schlange am Frühstücksbüffet, um möglichst viele Menschen zu töten. Am Nachmittag folgten weitere Explosionen in einem Hotel in Dehiwala-Mount Lavinia und in einem Haus in Orugodawatta, in dem sich ein Terrorist auf diese Weise seiner Festnahme entzog.

Bislang 321 Tote

Bei Durchsuchungen anderer Objekte stellten die Sicherheitskräfte weitere Sprengsätze sicher: Eine Rohrbombe, die man im Flughafen Bandaranaike versteckt hatte, wurde Luftwaffensprecher Gihan Seneviratne zufolge „in einem kontrollierten Bereich unschädlich gemacht“, eine Autobombe in der Nähe der Sankt-Antonius-Kirche detonierte beim Versuch, sie zu entschärfen. Neben solchen Sprengsätzen fand die Polizei auch 87 Zünder an einer zentralen Bushaltestelle.

Insgesamt töteten die Selbstmordattentäter (außer sich selbst) mindestens 321 Menschen. Die weitaus meisten davon waren Christen, die in den gut gefüllten Kirchen einen Ostergottesdienst besucht hatten. Die merkwürdige Trauerbekundungsformulierung von Hillary Clinton und anderen Politikern der US-Demokraten, es habe sich um „Easter worshippers“ genannt, stieß in Sozialen Medien auf Verwunderung, weil die Opfer wahrscheinlich nicht der alten germanischen Gottheit huldigen wollten.

Außer aus Sri Lanka stammen die Toten aus Indien, China, der Türkei, den USA, Großbritannien, Portugal, den Niederlanden und Belgien. Eines der amerikanischen Opfer verfügte nach Angaben des Auswärtigen Amtes auch über einen deutschen Pass. Mindestens drei der Toten waren Polizisten, die ums Leben kamen, als beim Festnahmeversuch in Orugodawatta eine Mauer einstürzte.

NTJ, JMI und IS

Nach der Festnahme von insgesamt 42 anderen Verdächtigen gehen die Sicherheitskräfte davon aus, dass die beiden einheimischen islamistischen Organisationen National Thowheeth Jama’ath (NTJ) und Jammiyathul Millathu Ibrahim (JMI) hinter den Anschlägen stecken, dabei aber von einem „internationalen Netzwerk“ unterstützt wurden. Ziel der Morde war dem stellvertretenden Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene zufolge „Vergeltung“ für den am 15. März verübten Terroranschlag im neuseeländischen Christchurch, bei dem etwa 50 Moscheebesucher ums Leben kamen.

Beim „internationalen Netzwerk“, das die NTJ und die JMI unterstützte, könnte es sich um den Islamischen Staat (IS) handeln: Auf einem Foto posieren drei der Selbstmörder vor einer IS-Flagge – und die IS-Propagandastelle AMAQ verlautbarte heute, die Attentäter vom Sonntag seien „Soldaten des Islamischen Staates“ und ihr Ziel die Tötung von Bürgern der Länder der Anti-IS-Koalition gewesen. Der Christchurch-Anschlag wird in dieser Verlautbarung nicht erwähnt. Auch „Terrorexperten“, die der Standard konsultierte, glauben, „dass es wesentlich länger als fünf Wochen dauern würde, einen derart ausgeklügelten Anschlag zu planen“.

Ausländische Geheimdienste und stellvertretender Polizeichef warnten vorab

Kabinettssprecher Rajitha Senaratne räumte inzwischen ein, dass „ausländische Geheimdienste“ die Behörden von Sri Lanka bereits am 4. April darüber informiert hatten, dass Selbstmordanschläge in Kirchen und Orten bevorstehen könnten, an denen sich viele Touristen aufhalten. Nun soll untersucht werden, warum diese Warnungen nicht in entsprechende Maßnahmen mündeten. Neben ausländischen Geheimdiensten hatte auch der stellvertretende Polizeichef Priyalal Dissanayake vor drohenden Anschlägen der NTJ gewarnt. In einem Brief vom 11. April rät er dazu, „das gesamte Personal anzuweisen“, seinem Bericht „streng zu beachten“ und vor allem bei Kirchen und beim indischen Hochkommissariat „besonders wachsam und vorsichtig zu sein“.

Mohammed Zaharan, der Anführer der NTJ, predigte Dissanayakes Erkenntnissen nach bereits seit drei Jahren „dass die Ermordung von Ungläubigen ein höchst edles religiöses Unterfangen ist und dass der Islam durch solche Handlungen verbreitet werden sollte“. Aktuell hängen dieser Religion in Sri Lanka knapp zehn Prozent der Bevölkerung an. Sie sprechen (außer eine kleinen Minderheit von Malaien) fast ausschließlich Tamilisch, grenzen sich aber als „Sonagar“ nicht nur von buddhistischen Singhalesen, sondern auch von den hinduistischen Tamilen ab.
(Peter Mühlbauer)



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